Interview mit Mark Benecke von Frl Venus. Text: Fräulein Venus http://www.facebook.com/Frl.Venus

 

Gemeinsam mit Martin von Art in Black (http://www.art-in-black.de/) sind wir an diesem recht schönen Herbsttag auf dem Weg zur Wirkungsstätte von Mark Benecke (http://benecke.com/) für ein Photo-Shooting neben dieser äußerst beschwerlichen Tätigkeit verbleibt hinreichend Zeit um den Meister der Maden mit Fragen zu plagen. An der Hauswand empfängt uns ein Schild mit folgender Aufschrift:

Dipl.-Biol. Dr. rer. medic. M. Sc.,
Ph.D.Mark Benecke
Certified and Sworn In Forensic Biologist,
International Forensic Research & Consulting
(Beeindruckend! – allerdings passt das auf kein Klingelschild der Welt.)

Stimmt nicht, es stehen fast keine Titel auf dem Schild ;) — i swear ;) – das steht nur auf der Website Da steht jedenfalls soviel drauf, dass ich es auf der Website noch mal nachsehen musste weil ich es mir nicht merken konnte.
Die Wohnung im Obergeschoss eines Kölner Altbaus zeigt sich als beeindruckendes Arbeitsumfeld mit vielen, und ich meine sehr vielen, Büchern in bis zur Decke reichenden Regalen. Neben unvergänglichem Papier dominiert ein Werkstoff die Szenerie, blanker, kalter Chirurgenstahl in form diverser sehr spezieller Werkzeuge. Gegen den kniehohen R2D2-Replikanten, der sich ständig beschwert wenn man nur in seine Nähe tritt ist das in der Ecke abgestellte Skelett ein ruhiger angenehmer Mitbewohner.
Mark, was für ein komisches ausgestopftes Schnabeltier steht noch mal in deiner Bibliothek und wie bist du daran gekommen?
Das war für die Tagung der deutschen Präparatoren, die dieses Jahr in Berlin stattfand. Navena, die örtliche Präparatorin der Charité (manche kennen sie vielleicht als Mitgestalterin der aktuellen Rechtsmedizin-Ausstellung der Charité), ist einer der coolsten Menschen der Erde und hatte mich gebeten, einen Gastvortrag zu geben. Geld für den Zug, das Honorar usw. hatte natürlich keiner, also haben wir uns als Gegenleistung auf einen Wolpertinger geeinigt. BayerInnen und ÖsterreicherInnen kennen dieses Lebewesen aus den Bergen…allerdings baute meins ein preussischer Präparator zusammen — übrigens Weltmeister (ja, es gibt Weltmeisterschaften für Präparatoren…) in seinem Fach. Das Ergebnis ist ein superfancy Wolpertinger, der eher wie eine Art Marabu-Schwan-Pelztier-Zombie aussieht. Total geil, oder?

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Eine Besprechung in unmittelbarer Nähe zur Kaffeequelle stellt den Beginn unseres Arbeitstages dar. Die Küche ist ein gemütliches helles Zimmer und die Kaffeemaschine ist noch handbetrieben, erinnert irgendwie an einen Campingurlaub, aber genau das verbreitet wohl diese familiäre relaxte Stimmung. Man fühlt sich auf eine abgedrehte Art und Weise sofort wohl. Mark du solltest beim perfekten Promidinner mitmachen. Betreffende Folge dieses sonst abartig öden TV-Formats würde ich mir sicher um nichts in der Welt entgehen lassen.
Die haben mich wieder ausgeladen, nachdem ich sie verpflichten wollte, weder Sex- noch Versicherungswerbung einzublenden, wenn ich zu sehen bin. Schade! Die Studentinnen hatten sich schon sehr gefreut…wir hatten einiges vorbereitet…hihihihihi. Die äußerst produktive Zusammenarbeit des Teams führte zu einem sehr positiven Gesamtergebnis mit dem alle Beteiligten äußerst zufrieden waren. Alles ist möglich! Abenteuerliche Aspekte wie die kurz entschlossene Installation des Fußbodens an der Wand konnten problemlos umgesetzt werden. Dr. Benecke kann eben mit Werkzeugen umgehen warum also nicht auch mit einem schnöden Zimmermanns-Hammer? Entdeckst du manchmal Züge von Indiana Jones an dir?

Die schönste Frage, die jemals in einem Interview gestellt wurde! Anders als Trey Parker (Southpark) finde ich nämlich ALLE Folgen von Indiana Jones cool, und natürlich hat Indy mich als Kind massiv geprägt. Wie meine Mitarbeiterinnen leidgeprüft bestätigen können, bin ich sogar jahrelang in einem beigen Polyester-Tropenanzug rumgelaufen, und zwar jeden Tag. Reden wir nicht mehr davon ;) Die Szene, wo Indy in Teil 1 neben dem Skelett in der Uni steht und lehrt, dann aber in die ferne reist und Abenteuer erlebt — stimmt, so ist mein leben in der tat öfters…siehe TRAININGS auf benecke.com Die riesigen Spinnen, auch aus Teil 1, die find ich immer noch ekelig. UND: wenn ich wie Indy auch in hohem Alter noch über riesige Kistenstapel hechten und hetzen sowie Alien-schädel aus Kristall ausbuddeln kann, dann wird alles nicht umsonst gewesen sein…

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Erzähl doch bitte kurz was zu der Seife mit der du uns erfreut hast!
Das ist eine Abformung der (äusseren) Vaginalteile von Charlotte Stokely. Sie ist sehr lässig, macht wie die Studentinnen und ich bei GIRLS & CORPSES mit und hat eine Sonderedition ihres Genitals anfertigen lassen, die folgende Vorteile hat: Erstens ist sie aus Seife, man kann sie also nicht als Sextoy missbrauchen (ich wüsste jedenfalls nicht, wie), zweitens wird sie in einem hübschen Kartönchen mit Monstern drauf geliefert, drittens kann man sie sich immer neu kaufen (Geschenkidee für Weihnachten!) und viertens sind Seifenmaden im Lieferumfang enthalten und drangepappt. Was will man mehr?

In Zusammenarbeit mit Ewelin Wawrzyniak, Nastassia Palanetskaya und Kathrin Sonntag bringst du am ….1. November 2009 ein neues Buch auf den deutschen Markt mit dem Titel: Vampire unter uns! (ISBN 978-3-939459-24-8). Darin hast du laut  Buchtext erwähnte Subkultur bzw. Lebensweise in den USA und in Deutschland untersucht. Gibt es kontinentale Unterschiede oder vereint Vampirismus die Völker?

Energie-armut gibts überall auf der Welt, daher gibts auch überall “Vampire”. Die Ausformungen des Vampirismus sind aber total verschieden: von kauzigen u.s.-Omas, die in Transylvanien ewige und unsterbliche Liebe suchen, über Akademiker, die im albanischen nach Sprachwurzeln des Begriffes “Vampir” forschen bis hin zu Sanguinarien und Romantikgothkids aus der Szene.Iist also total diversifiziert, weltweit. Die Amis haben gerne Clans und Coven, in Deutschland sehe ich mehr Kontakte zur schwarzen Szene, die es in dieser form in den USA ja nicht gibt und so weiter. Im Schwarzen sehen nur schwarze gut ;), aber es gibt da echt ein irres Spektrum an Vampirmotiven. Jeder betont was anderes.

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Unser heutiges Photoset zeigt ebenso wie der Film Dracula diese Dreiseitigkeit dargestellt durch drei Frauen. Wer wünscht sich nicht drei Frauen zur freien Verfügung, aber: Was bedeutet dieses Bild im Zusammenhang mit dem Vampirismus?
Erstmal, dass Vampire immer versuchen, zu verführen, also sexy zu sein. Anders kommen sie nicht an das, was sie wollen (Blut, Energie), denn freiwillig würde das ja keiner hergeben. Zweitens sind IMMER drei Frauen einem Vampir oder zumindest Chef zugeordnet, das sind die Yelle(le), die im Dracula-Film von Coppola, im Buch von Bram Stoker und auch in der Volksüberlieferung in Rumänien vorkommen. In der alten Version sind sie teils recht furchtbar, manchmal werden sie auch angebetet (etwa als Hekate). In einer etwas neueren Version haben die drei Schlawinerinnen den Krug mit dem Wasser des Lebens zerbrochen und müssen jetzt für immer mit ihrem Chef (in der aktuellen Story: Alexander dem Grossen) verbunden sein. Außerdem bringen Yelle(le) Menschen das Spiel auf der Geige bei — allerdings darf ein Mensch, der das von ihnen lernt, nur für Yelle(le) spielen, niemals für andere Menschen, sonst passiert was.
Ich hoffe wir bekommen in diesem Buch auch eine naturwissenschaftliche Erläuterung, die mit den Mythen um die blutsaugenden Untoten abrechnet. Ja, ich weiß, ich werde es lesen. Solche Fragen darf man aus journalistischer Sicht nicht stellen, aber als Naturwissenschaftlerin muss ich trotzdem fragen.
Klaro, es geht aber auch ohne Papier, einfach auf http://tsdracula.org klicken, also die Seite der „transylvanian society of dracula“. Das ist ein Club aus lauter kauzigen Forschern, die das Motiv der Vampire aus jeder Sicht — historisch, medizinisch, folkloristisch und so weiter — beleuchten. Ich halte immer Vorträge über Fäulniserscheinungen von Leichen (dabei kommt z.b. “Blut” aus dem Mund) oder über Angst und wie sie im Gehirn messbar ist. Die anderen machen andere coole Sachen. ein Architekt hat beispielsweise mal erklärt, dass die Gruselschlösser mit einem (oder zwei) einsamen Menschen drin wirklich existierten, als die ganzen Minifürstentürmer zerfielen und immer nur noch der Hausverwalter dort arbeitete und alleine zurückblieb, wie Riff Raff & Schwester in der Rocky Horror Picture Show.
Vielen Dank für diese absolut einzigartige und witzige Kooperation, es hat uns allen sehr viel Spaß gemacht. Eine Frage zum Abschluss: Die Konfrontation mit welcher menschlichen Eigenschaft erschwert dir oft den Tag? Faulheit.

Platz für letzte Worte oder was auch immer!
Immer schön schwarz bleiben! Und: danke an alle für die charmante Zusammenarbeit — das war Sex, Blood and Rock’n’Roll für Fortgeschrittene…
Text: Fräulein Venus  http://www.facebook.com/Frl.Venus
und Dr. Mark Benecke http://benecke.com/
Bilder: Martin Black http://www.art-in-black.de/